Samstag, 21. Oktober 2017
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Prenzlauer Berg?

Tote Hose in
Prenzlauer Berg?

ZDF "Aspekte" - Interview mit Tim Renner

/// Kommentar /// – Die Aspekte-Sendung im ZDF startete gestern mit einem Beitrag über Friedrich Liechtenstein, der inzwischen zum meistgeklickten Deutschen avanciert ist. „Supergeil“ – der Werbespot wurde weltbekannt.

ZDF "Aspekte" - Interview mit Tim Renner
ZDF „Aspekte“ – Interview mit Tim Renner am 11.7.2014

Der in Berlin-Mitte lebende Künstler lebt südlich vom Prenzlauer Berg am Rosa-Luxemburg-Platz in einem Loft der modernen und ikonoklastischen Struktur des „L-40“, unter Insidern auch „BlackMaze-Building“ genannt, das von den Architekten Roger Bundschuh & Cosima von Bonin geschaffen wurde.

Glatt, schwarz, magisch – aber auch protzig konstrastiert die moderne Architektur mit den gewachsenen Umfeld, in dem Volksbühne und Babylon bestimmende Kulturorte sind. Es sind Gegensätze, die diesem Ort Spannung verleihen. Geschichte, Kultur, Mythos, Moderne und moderne neue mediale Mythen schwingen hier in der Luft.

Unter derartigen Spannungen steht auch ganz Berlin, in manchen Stadtteilen hat sich dies zum kulturellen Flair ausgewachsen, und zieht Millionen Touristen und Kulturbesucher an.

Interwiev mit Kulturstaatsekretär Tim Renner

Der neue Kulturstaatsekretär Tim Renner wurde in der Aspekte-Sendung angekündigt. Von ihm wird erwartet, wie das „kulturelle Vibrato“ der Metropole erhalten und aufrecht erhalten werden kann. Tim Renner zögerte nicht, redete offen und jovial, und legte seine neuen Gedanken für die Berliner Kultur im Interview für ein Millionenpublikum dar.

Im lockeren Ton erklärte er seine neue Herangehensweise im Umgang mit der Freien Szene. Die gute Besetzung von Jurys ist ihm wichtig, er findet es besser, als wenn Politiker über Kulturfördermittel entscheiden.

„Klar muß man eine andere Liegenschaftspolitik machen“! – Renner erläutert, wie er einem Investor in Treptow den Erhalt eines Künstlerhauses schmackhaft machen will: er schreibt einen Brief, indem der Wert der Künstler für das Stadtviertel erklärt wird. Man fühlt sich an einen Nachhilfe-Lehrer für Investoren erinnert.

Der Moderator fragt nach: „Warum wird Kultur bei der Stadtplanung nicht einbezogen?“

Renner antwortet wieder im lockeren Ton (Mitschrift, unredigiert):

„Weil meist nicht verstanden wird, was Kultur für Städte macht, einerseits macht Kultur die Städte interessant, zweitens hat Kultur auch eine direkte monetäre Hebelwirkung, also eigentlich ein kulturelles Kapital, wie Künstler, wie Clubs wie Galerien macht einen Stadtteil interessant, und dann kommen die Immobilieninvestoren und machen daraus „Realkapital“ indem sie es verkaufen.“

Prenzlauer Berg beim Kulturstaatsssekretär abgeschrieben

„Aber wann man nicht zusieht, und die Künstler dann auch hält, dann passiert einem etwas wie in Prenzlauer Berg: da gibt es keine Clubs mehr, da gibt´s keine Künstler mehr und es ist ziemlich langweilig, und wer da hinziehen will, naja, der will wenig vom Leben und wenig von der Stadt!“

Tim Renner schreibt Prenzlauer Berg in einem Nebensatz ab, selbst unser Kulturstaatssekretär findet den in Touristenführern noch als „Szeneviertel“ beschriebenen Stadtteil langweilig, und hat es nun im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgesprochen!

Tote Hose in Prenzlauer Berg? Keine Clubs? Keine Galerien, keine Künstler mehr? Bestimmen inzwischen weltabgewandte Loftbewohner und Tiefgaragen entschlüpfende anonyme SUV-Fahrer das Bild? Haben Protz und Kapital das kulturelle Leben im Prenzlauer Berg verdrängt?

Glut in der Asche – oder neue Feuer in Prenzlauer Berg

Zwischen bunten Dämmfassaden, Gründerzeit-Stuck und protziger Architekturmoderne in Prenzlauer Berg gibt es tatsächlich noch kulturelles Leben.
Hinter den roten und gelben Backsteinen zwischen Knaackstraße und Schönhauser Allee liegt ein ganzes Areal, das Tim Renner unbedingt kennenlernen muß, hier sind zwei Theater nebeneinander gereiht, Musikbühnen gar, einer der größten Clubs Berlins. Es gibt sogar eine Tourismusinformation, die mit Kultur wirbt, und dazu Kinos.

Auf dem Pfefferberg haben zwei durch und durch verrrückte Theater-Macher nicht nur gerade ein Theater neu eröffnet, sondern auch eigenhändig Backstein um Backstein gebaut. Sogar das bulgarische Staatstheater war hier schon zu Gast.

Mehrere Buchhandlungen und viele Verlage versuchen, mit Lesungen gegen die Langeweile in Prenzlauer Berg anzukämpfen. Sie könnten vermutlich sogar Leipzig und Frankfurt Konkurrenz machen, wenn sie sich nur selbst etwas mehr über ihren Status vergewissern.

Überhaupt: Kinder spielen eine große Rolle, Bibliotheken und Cafés, Puppentheater und Kindermuseum sorgen für Nachwuchs und Interesse im Kulturpublikum.

Eine Schauspielschule betreibt ein Probentheater in der Belforter Straße, sogar am Kollwitzplatz geben sich Kinder- und Puppentheater und Lesebühne abwechselnd die Klinke in die Hand.

Über zwanzig Galerien gibt es in Prenzlauer Berg, sogar eine Staatsgalerie Prenzlauer Berg in der Greifswalder Straße. Und dann die Clubs! Etwas stiller in der PR, aber einer ist nach wie vor einer der beliebtesten Club der Stadt, am unteren Ende der Schönhauser Allee. Daneben eine Bar, die wohl eher ein Club ist.

In der Saarbrücker Strasse treffen sich die Freunde von „Americana“ und „Muscle-Cars“. An der Eberswalder Straße wird sogar ein völlig neues Kulturhaus mit schalldichten Club geplant, und nächstes Jahr gebaut.

Sind die vielen Architektur-Besucher auf dem Pfefferberg und die vielen internationalen Botschafter und Gäste unbemerkt geblieben? Diese Woche waren erst der spanische und der mexikanische Botschafter zu Gast.

Und dann gibt es noch Tanztheater, die in jedem Tanz-Plan stehen, und Improtheater, die Jubiläen feiern.

Sogar Swing feiert eine Revival – die Electroswing Revolution tobt monatlich zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg hin und her.

Was ist da wirklich los in Prenzlauer Berg? Erfindet es sich womöglich an einigen Stellen neu? Lodert dort sogar etwas völlig neu? Oder hat sich die Selbstgefälligkeit eingestellt, die sich selbst genügt – und nicht an morgen denkt?

Sollte Kulturstaatssekrtär Timm Renner vielleicht den Prenzlauer Berg ausgiebig zu Fuß besuchen?

Amt für Kunst und Kultur – unbemerkt?

Über eine halbe Million Euro gibt der Bezirk Pankow Jahr für Jahr selbst für Kunst und Kultur an einer einzigen Adresse aus: Danziger Straße 101. Und Kulturstaatssekretär Tim Renner findet Prenzlauer Berg langweilig? Übersieht er hier soagr etwas? Oder läuft da etwas schief? Träumt man dort alten Zeiten und einer längst weggezogenen Klientel im Thälmannpark hinterher – die auch die Kulturpolitik nicht mehr interessiert?

Haben Gentrifizierungsdebatte, Schwabenhass- und Smiley-Debatte und der Streit um die Straßen-Sherrif-App das Szene-Viertel Prenzlauer Berg umgekippt? Ist die Absage des Eco-Mobility-Festivals nun endgültig der Sargnagel für den Szenebezirk?

Ist Prenzlauer Berg nun endgültig „zehlendorferisiert“? Ist der Kollwitzplatz gar schon das moderne und modernde Schwabing?

Kulturstaatssekretär mit Tunnelblick?

Wie kann man es erklären – was trieb Timm Renner um? Folgt der neue Kulturstaatssekretär etwa nur den lauten Rufern und den Krisenkommunikatoren, die nach Geld rufen? Schaut Renner womöglich nur auf die zu verteilenden Mittel seines Etats?

Überdeckt das politische Gerangel um eine neue Liegenschaftspolitik das Blickfeld?

Fehlt ihm vielleicht der Blick für erfolgreiche und selbsttragende Strukturen? Hat Tim Renner Prenzlauer Berg vielleicht deshalb aus dem Blick verloren, weil es hier so viele Erfolgsstories und funktionierende Kulturbetriebe gibt?

Wie ist es möglich, ausgerechnet den Bezirk und Stadtteil mit der dichtesten und am weitesten weltweit vernetzten Kulturszene „langweilig“ zu finden?

Müßte man vielleicht viel viel genauer hinschauen, was in Prenzlauer Berg wirklich passiert?

Läßt sich hier vielleicht auch studieren, wie sich in der Kreativ- und Kulturwirtschaft mustergültig selbsttragende Strukturen entwickeln lassen? Gibt es auch neue Formen von Kultur und weltweiter Vernetzung, sogar Kulturexport zu beobachten?

Kann man nicht längst in Prenzlauer Berg auch einen Weg besichtigen, der beweist, dass Gentrifizierung keine zwanghafte Einbahnstraße ist? Und lässt sich auch lernen, genau hinzuschauen, und Erfolge zu deuten – statt sie kaputt zu reden?

Muß sich Kulturpolitik vielleicht auch aus dem Tunnelblick auf staatliche Kulturförderung, scheinbaren stadtökonomischen Zwängen und den automatenhaften Gewissheiten der Gentrifizierungsdebatte befreien?

Weitere Informationen:

Aktuell: Kurzfassung auf YouTube

ZDF-Aspekte Aspekte – Sendung vom 11.4.2014
Hinweis: die Videoaufzeichnung ist nur als Videostream verfügbar und wird in einigen Tagen „depubliziert“.

ZDF-Mediathek-Link:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2195526/aspekte-vom-11.-Juli-2014?flash=off

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