Montag, 22. April 2024
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Fair Pay für Kultur in Österreich

Fair Pay in der Kulturarbeit

Andere Länder, andere Sitten — andere Politik und Kulturpolitik! — Mit der Wendung Felix Austria wird den Österreichern eine besonders glückliche Veranlagung oder Lebensart nachgesagt.
In der Kulturpolitik hat die „Fair Pay-Kampagne“ der IG Kultur Österreich – Interessensgemeinschaft der freien Kulturarbeit und der verbündeten Landesorganisationen für mehr Fairness in der Förderpolitik gesorgt: „Kultur muss sich lohnen. Für alle.“
Die einfache Argumentation ist klar und verständlich: „Kulturarbeit ist Arbeit. Und verdient faire Entlohnung.“

Die Kampagne „Fair Pay für Kultur“ hat viel Bewegung und kreative Energie in die von der Corona-Krise geplagte Kulturszene gebracht. Das erarbeitete „Gehaltsschema 2021 für Kulturarbeiter*innen“ orientiert sich an den Interessen der mit Kulturarbeit beschäftigten Menschen und rückt auch die Perspektive auf die soziale Absicherung von Arbeitsbiographien:

„Zur fairen Bezahlung für alle Kulturarbeiterinnen ist es noch ein weiter Weg. Gerade die Corona-Krise zeigt, wie wichtig es ist, die Arbeitsbedingungen aller im Kultursektor Tätigen endlich zu verbessern. Noch immer kennzeichnen diskontinuierliche und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, mangelnde soziale Absicherung und letztlich Altersarmut die Arbeitsrealität vieler Künstlerinnen und Kulturarbeiter*innen.
Das Fair Pay Gehaltsschema bietet Richtwerte für eine faire Entlohnung und zeigt, wie viel Kulturarbeit wert ist bzw. sein sollte.“
Das „Gehaltsschema für Kulturarbeit /Kulturvereine ab 1.1.2021“ gibt z.B. eine Empfehlung für ein Mindestbruttogehalt für 35 Wochenstunden mit 14 Monatsgehälter.

Dazu gibt es einen „Honorarspiegel 2021 für selbstständige Kulturarbeit.“ Abgeleitet aus dem GPA-Gehaltsschema für Vereine, das ein Entgelt pro Stunde in Euro (exkl. MwSt.) ab 1. Jänner 2021 ausweist.
Die Gewerkschaft GPA ist eine Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft, der Arbeitnehmer im grafischen Gewerbe und in der papierverarbeitenden Industrie sowie der Journalisten in Österreich angehören, mit ca. 280.000 Mitgliedern.
Die unverbindlichen Stundensätze für selbstständige Kulturarbeit beinhalten reine Arbeitskosten (Honorar, Sozialversicherung, Steuern und Abgaben, aber auch durchschnittliche Urlaubs- und Krankentage), jedoch keine anteiligen Fixkosten (Infrastruktur, Miete usw.). — Damit sind die Konditionen durchaus auf Deutschland übertragbar und vergleichbar angemessen.

Die Initiatoren sind überzeugt: „Fair Pay ist machbar. Das zeigen zahlreiche Beispiele. Eine Berücksichtigung des Fair Pay Schemas bei Fördervergaben auf breiter Basis ist nötig, um gerechte Entlohnung im Kunst- und Kulturbereich umzusetzen.“

Die Mitglieder der IG Kultur Österreich hatten die zurückliegende Zeit der Pandemie genutz und in einem partizipativen Prozess im Zeitraum von nur 9 Wochen ein Fair Pay Manifest erstellt. In einem unglaublich kurzem Zeitraum war es gelungen, Umsetzungsschritte zu definieren und einen Forderungskatalog zu formulieren. Die Lösung des Kernproblems: eine faire Förderpraxis die zu fairer Bezahlung führt.

Viele wichtige Anregungen im „Fair Pay Manifest“ sind Vorbilder auch für die deutsche Kulturpolitik. Wichtigster Aspekt: „Strukturförderung versus Projektförderung“ ausbauen und die „Föderalismusfalle entschärfen“, denn auch in Österreich wird die Kulturförderung vom Bund, den Bundesländern, den Städten und den Gemeinden geleistet.

Erster Erfolg: Das Land Salzburg hat als erstes Bundesland Förderungen für 2022 auf Fair Pay umgestellt. Der Bund, hat ein Budget von 6,5 Mio zur Aufstockung für Fair Pay reserviert.

Das österreichiche Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport hat seine Kulturförderung erweitert und eine „Pilotphase Fair-Pay 2022“ ausgelobt. Im Rahmen der bestehenden Förderungsprogramme der Sektion Kunst und Kultur kann in dem Programm um einen Fair-Pay-Zuschuss für Vorhaben in der „Freien Szene“ angesucht werden.
Damit kann der „Fair Pay Gap“ in freien Projekten abgedeckt werden, die oft noch keine eigentragfähige Wirtschaftslichkeit erreichen.

Die Einreichungsphase endet in Kürze: die Unterlagen für Fair-Pay-Zuschüsse können noch bis 31. März für bereits eingereichte Vorhaben nachgereicht werden. Einreichungen für künftige Einreichfristen können ebenfalls Fair Pay-Zuschüsse berücksichtigten.
Orientieren können Sie sich dabei an den Honorarempfehlungen der jeweiligen Interessengemeinschaft.

Die umfangreichen Förderinformationen und das Datenblatt Fair-Pay-Maßnahmen 2022 für die Bereiche Musik und Darstellende Kunst, Film, Literatur, und „Bildende Kunst, Architektur, Design, Mode, Fotografie, Medienkunst“ sowie „Kulturinitiativen, Museen, Volkskultur“ geben viele Anregungen und Beispiele für die Berliner Kulturlandschaft.

Mehr Partizipation in der Kulturpolitik ist in Österreich auch in Gang gesetzt. Am 3. März 2022 ging in Bregenz die erste Bundesländer-Dialoggruppe erfolgreich zu Ende. — Inhaltliche Schwerpunkte waren „Kunst, Kultur, Klima, Ökologie“ und „Zukunft Kulturinstitutionen.“

Die Anregungen aus unserem südlichen Nachbarland sind auch wichtige Anregungen, die Zukunft der Kulturpolitik in Berlin neu zu denken — und Interessen und Perspektiven der kreativen Künstler-innen, Kulturträger und Kulturarbeitenden zu denken!

m/s