Mittwoch, 13. Mai 2026
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Pankow beherbergt ein traditionsreiches Puppentheater

Olivera Becker - Theater Boka

Von Ricardo Ginés

„Als es in den 1980er Jahren (in Serbien) für ein paar Stunden keinen Strom gab und es im Winter dunkel wurde, zündeten wir Kerzen an und führten (als Familie) Schattenspiele auf.“

Was draußen Unsicherheit, Kälte und Dunkelheit war, verwandelte sich drinnen, zu Hause, in eine verzauberte, fast magische Welt.
So beschreibt Olivera Becker, Puppenspielmeisterin, den Beginn ihrer Leidenschaft für das Puppenspiel. Olivera lebt und arbeitet seit 1997 in Berlin und hat an verschiedenen Theaterproduktionen mitgewirkt. Später machte sie sich selbstständig und betreibt seit 2013 ein eigenes Puppentheater in Pankow, im Nordosten Berlins, einen Raum, der Platz für bis zu 50 Zuschauer bietet.

„Für mich bedeutet das Puppentheater, dass ich immer noch dieses kleine Mädchen sein kann (in meinem Alter, über 50). Ich kann weiterhin mit den Puppen spielen, ohne mich dafür zu schämen.“

Mittlerweile fertigt sie ihre eigenen Marionetten in der hauseigenen Puppenwerkstatt des Theaters an. Dort entwerfen und bauen die Kinder ihre eigenen Puppen. In regelmäßigen Workshops können sie ihre eigenen Figuren gestalten und diese auch auf der Bühne ausprobieren.
Das Theater Boka bietet bekannte Stücke sowie Eigenproduktionen für Kinder ab drei Jahren an. Alte Märchen werden hier an neue pädagogische Ansätze angepasst.

„Es wird kein Wolf in den mit Steinen gefüllten Brunnen geworfen, sondern diesen bösen Figuren wird eine weitere Chance gegeben, sich zu entschuldigen und neue Freunde zu finden“, erklärt Olivera.

„In ‚Schneewittchen‘ ist die Stiefmutter Analphabetin: Sie kann weder lesen noch schreiben. Das Einzige, was sie kann, ist, vor dem Spiegel zu stehen und schön zu bleiben“, fügt sie hinzu. —Oft sind die Eltern der Kinder bei den Aufführungen anwesend.

Auch heikle & kritische Themen im Puppenspiel

Heikle Themen wie „Mobbing“ oder Gruppenzwang werden ebenfalls behandelt. Die Interaktion des Publikums, vor allem der Kinder, ist keine Ausnahme, sondern ausdrücklich erwünscht. Das betont Olivera selbst: „Wenn ich ein Stück schreibe, achte ich immer darauf, dass es einen Konflikt gibt, dass es pädagogische Implikationen hat, dass das Publikum auch interaktiv mitentscheiden kann: Wollen wir dieser Wölfin jetzt vergeben…?“
Auch viele Erwachsene kommen und genießen die Vorstellungen, die voller Lachen und Musik sind. Oft haben sie sogar mehr Spaß daran als die Kinder.
Diese Tatsache spiegelt wider, wie wichtig das Puppentheater in Berlin sowohl für Kinder als auch für ältere Menschen ist.
Und tatsächlich findet man solche Orte überall in der Stadt. Oft richten sich die Vorstellungen ausschließlich an Erwachsene.
Kürzlich wurde beispielsweise der Massenmord an „geistig Behinderten“ durch die Nationalsozialisten mit Marionetten inszeniert. Oder sogar ein Serienmörder.
Und es ist belegt, dass das Puppentheater seit dem Mittelalter auch dazu genutzt wird, gesellschaftliche Realität kritisch zu reflektieren. Daher rührt auch seine Bedeutung und seine Popularität bis heute.

Es gibt sogar mehrere Geschäfte in Berlin, die ausschließlich Material zum Bau von Marionetten verkaufen, und sogar ein Museum für Puppenspielkunst mit einer Sammlung von mehreren Tausend Exemplaren.
Außerdem spielen Marionetten an Kunsthochschulen eine entscheidende Rolle. — Tatsächlich kann man in Berlin ein vierjähriges Studium absolvieren, und es gibt sogar einen Lehrstuhl für diese Kunst.

Über den Autor: Ricardo Ginés stammt aus dem spanischen Baskenland. ER studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Deutschland. Nach dem Studium war er 11 Jahre Auslandskorrespondent in Istanbul für Zeitungen, Zeitschriften und das Radio. Er trat in Live-Interviews für TV-Sendungen auf. Darüber hinaus verfügt er über fundierte Kenntnisse im investigativen Journalismus. Heute arbeitet er Teilzeit als OSINT-Forscher, Museumswächter und baut ein Open-Source-Archiv für eine NGO auf, während er freiberuflich weiterhin als Journalist tätig ist. Er spricht fließend Spanisch, Deutsch und Englisch, sowie Portugiesisch. Er versucht seine Türkisch- und Französischkenntnisse nicht zu verlieren. In seiner European Journalism Fellowship, gefördert von der Stiftung NRZ, schreibt er über „Berlin, meine Bezirke, die Menschen.“

m/s