Dienstag, 21. April 2026
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Der Luna-Bunker in der Schönholzer Heide

Der Luna-Bunker

Von Sabine Küster-Reeck

Vor 90 Jahren eröffnete im Berliner Bezirk Pankow der riesige Vergnügungspark „Traumland“. Nur wenig später sollte daraus ein Alptraum für viele Menschen werden.

Im Jahre 1936 wurde im Berliner Bezirk Pankow ein riesiger Vergnügungspark eröffnet. Das „Traumland Schönholzer Heide“ wurde geboren. Der Park sollte der Bevölkerung Berlins vielfältiges Amüsement bieten, während zeitgleich die Olympiade stattfand und die Welt in der Reichshauptstadt zu Gast war. Noch heute befindet sich in der Schönholzer Heide der sogenannte „Luna-Bunker“, benannt nach diesem Park. In Vorbereitung auf den Krieg wurde der Bunker von den Nationalsozialisten als einer von vielen oberirdischen Hochbunkern errichtet. Sie sollten der Zivilbevölkerung als Schutz dienen. Ab 1940 wurde dann der ehemalige Vergnügungspark zum zweitgrößten Arbeitslager Berlins umfunktioniert. Die Zwangsarbeiter, Frauen und Männer aus allen Teilen Europas, mussten ihr Dasein zwischen den Überresten des Amüsierbetriebs fristen. Heute, in Friedenszeiten, haben es sich die Fledermäuse in dem alten Gemäuer bequem gemacht. Der Bunker dient nun dem Naturschutz; das ehemalige Zwangsarbeiterlager der Erholung.

Ein Spaziergang in die Geschichte Pankows

Links ein Sportplatz, rechts eine Schießanlage für Sportschützen. Betritt man die Schönholzer Heide in Pankow, so ist man sogleich umgeben von altem Baumbestand, weitläufigen Rasenflächen und dichtem Gebüsch. Vor allem die knorrigen, uralten Platanen, die an Urwaldriesen erinnern, laden ein, einen Moment zu verweilen. Wir befinden uns in der Schönholzer Heide, einem weitläufigen Areal, mehr Wald als Park. Gut getarnt von Bäumen und sattem Grün, erblickt man gleich am Eingang ein graues, halbmondförmiges Gebilde; besprüht mit bunten Graffiti. Es erschließt sich nicht sofort, was es damit auf sich hat. An trüben Tagen- oder in den Wintermonaten kann das Gebäude aus Beton recht unheimlich wirken. Eine ideale Filmkulisse für diverse Genres. Neuerdings wird das Gebilde von einem hohen Zaun umgeben. Hinweistafeln informieren den Besucher darüber, dass es sich bei dem Bauwerk um den „Luna-Bunker“ handelt. „Luna“ – und Bunker? Der Widerspruch klärt sich bald auf, liest man darüber ein wenig in den aufgestellten Hinweistafeln. Der „Luna-Bunker“ ist ein Hochbunker; so informieren die Tafeln den Leser; einst von den Nationalsozialisten als Vorbereitung für den Krieg erbaut. Wie aber kommt ein düsterer Weltkriegs-Bunker zu dem eher heiteren Namen „Luna“?

„Bolle reiste jüngst zu Pfingsten; nach Pankow war sein Ziel…..“

„Auf der Schönholzer Heide, da jab´s ´ne Keilerei und Bolle, jar nicht feige, war mittenmang dabei. Hat´s Messer rausgezogen und fünfe massakriert. Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.“
(Auszug aus einem bis heute bekannten Berliner Schwanklied)

Der Vorläufer des „Luna-Parks“ in Pankow, war ein großer Vergnügungspark am Westberliner Halensee. Nach seiner Schließung suchten die Schausteller nach einem neuen Festplatz. Pankow bot sich an, da sich hier ein weitläufiges, ungenutztes Gelände befand: Die Schönholzer Heide. Von der Berliner Schützengilde mieteten die Schausteller also ein großes Areal. Pankow bekam einen Vergnügungspark. Das „Traumland Schönholzer Heide“ war geboren. „Menschen, Tiere, Sensationen“, so lautete die Devise! Es gab fortan Wasserrutschen, ein Riesenrad, Tanzpavillons, ein Varieté und die „Traumstadt Liliput“. Der Vergnügungspark wurde zu einem der größten seiner Art in Berlin. Die Hauptattraktion war die 18 Meter große „Himalaya-Bahn.

Heute undenkbar, wurden damals auch kleinwüchsige Menschen, oder Menschen mit schweren Erkrankungen wie der sogenannten „Elefantiasis“ öffentlich zur Schau gestellt. (eine Erkrankung der Lymphdrüsen, die zu Schwellungen im Gesicht und am Körper führt. Der britische Regisseur David Lynch thematisierte diese Tragik in dem Spielfilm „Der Elefantenmensch“.) Legendär für zahlreiche Saufgelage war die sogenannte „Bayernhalle.“ Eine „Ochsenbraterei“ zog hungrige Besucher an. Dort wurden ganze Ochsen am Spieß gedreht. Die Restauration „Thielmanns Festsäle“ an der Straße vor Schönholz, war äußerst beliebt; hier wurde „jeschwoooft“ bis in die frühen Morgenstunden. Doch das Vergnügen in dem „Traumland“ währte nicht lange und bald wurde die Schönholzer Heide für viele Menschen zu einem Alptraum.

Kriegsgräber in der Schönholzer Heide. Hier sind auch Zwangsarbeiter beigesetzt.
Kriegsgräber in der Schönholzer Heide. Hier sind auch Zwangsarbeiter beigesetzt. – Foto: © Sabine Küster-Reeck

Vom Traumland zum Alptraum

Mit Beginn des 2. Weltkrieges schlossen die Nationalsozialisten den Luna-Park. Von 1940 bis 1945 wurde an seiner Stelle das zweitgrößte Zwangsarbeiterlager Berlins errichtet. Hier fristeten Menschen aus Polen, der Sowjetunion, Kroatien, Frankreich und anderen Nationen ihr Dasein. Sie mussten u.a. für die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG in Reinickendorf, und die nahegelegenen Bergmann-Elektrizitätswerke Zwangsarbeit leisten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter wurden am Anfang zwischen Autoscootern- und Karussells in Baracken untergebracht. Ein zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun schloss das Lager ein. Hinweistafeln an den Eingängen des Parks erinnern heute an das Schicksal der Zwangsarbeiter. Die Schicksale der Inhaftierten Menschen berühren noch heute: *“Bei uns [in Schönholz] hat sich viel verändert, sehr viel. Ich selbst fühle, dass ich versteinere. Ich gehe zur Arbeit Tag für Tag, obwohl ich mich zeitweilig ohne Kräfte fühle. Wenn ich mich zu Bett lege, schließe ich die Augen, sehe alles wie durch eine Wolke und bringe alle meine Lieben näher an mich.“ (Stanislawa B. Zwangsarbeiterin und Bewohnerin des Luna-Lagers am 5. Dezember 1942). Nicht weit vom Bunker entfernt, kann heute der Besucher der Schönholzer Heide einen von 28 Begräbnisplätzen für die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg besuchen. ****Mangelnde Ernährung, harte körperliche Arbeit und vor allem der unzureichende Schutz vor Bombenangriffen waren der Grund für zahlreiche Todesfälle. Zwischen 1942 und 1945 sind in dem Lager über 100 Menschen, darunter 12 Säuglinge und Kleinkinder gestorben. Sie wurden auf unterschiedlichen Berliner Friedhöfen beigesetzt. Erst ab dem Jahr 2000, können die ehemaligen Zwangsarbeiter eine Entschädigung in Berlin beantragen.Nachdem die Rote Armee 1945 die Zwangsarbeiter befreit hatte, wurden die Lagerbaracken als Unterkünfte für die sowjetischen Soldaten genutzt. Der „Luna-Bunker“ wurde zum „Kartoffelbunker“ umfunktioniert, er diente von nun an als Lagerraum für Lebensmittel, die sich wegen der Kühle in seinem Inneren länger hielten.

Champignons für Ostberlin

Viele Hoch- und Tiefbunker in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin wurden nach dem Krieg gesprengt. Nicht jedoch der „Luna-Bunker“. Er wurde halb verfüllt offen gelassen. Vermutlich wurde er von der NVA als Nachrichtenbunker genutzt. Gesichert ist allerdings, dass es erfolglose Versuche gab, nach dem Krieg im „Luna-Bunker“ Champignons zu züchten. Noch heute zeugen verfallene Heizungsanlagen von diesem Experiment. In den 1950er Jahren kam in der Ratsversammlung von Pankow die Idee auf, die Schönholzer Heide als Vergnügungs- und Erholungsort zu reaktivieren. Zuvor hatte man 1949, auf der gegenüberliegenden Seite jenseits der Germanenstraße, ein zweites Sowjetisches Ehrenmal errichtet. Nicht so imposant wie sein großes Vorbild in Treptow, liegen hier in Einzelgrabstätten 13.200 sowjetische Soldaten, die aus anderen Grabstätten umgebettet wurden begraben. Die Präsenz der Kriegsgräberstätten aber führte dazu, dass eine Wiederbelebung der Grünanlage als Amüsier- und Erholungsort scheiterte. Außerdem befand sich die Schönholzer Heide in unmittelbarer Nähe der Grenze zu West-Berlin. Auch der S-Bahnhof Schönholz steht auf West-Berliner Gebiet. Die Strecke gehörte zum westlichen S-Bahnnetz. Zwar existierte ab 1956 eine Freilichtbühne mit 2500 Sitzplätzen, die jedoch nach dem Mauerbau 1961 wieder geschlossen wurde.

Sie nutzen den Bunker heute zu friedlichen Zwecken.
Sie nutzen den Bunker heute zu friedlichen Zwecken. – Foto: © Sabine Küster-Reeck

Nach der Wende

Immer mehr Menschen erkannten nach 1990 den Charme des Bezirks Pankow. Einerseits war das Wohngebiet hinter dem S-Bahnhof Wollankstr., wo sich einst die Mauer befand, zwar vom Großstadttrubel ein wenig abgeschieden und hatte sich seinen „Ostcharme“ bewahrt. Andererseits aber, war – und ist die Wohngegend verkehrstechnisch sehr gut erschlossen und bot gerade für junge Familien einen großen Anreiz nach Pankow zu ziehen. Die Schönholzer Heide ist heute wieder ein beliebtes Ausflugsziel. Jogger nutzen die weiten Flächen für ihr Training. Junge Mütter und Kita-Gruppen mit Kindern haben hier die Möglichkeit, einen Ausflug in die Natur der Umgebung zu machen. Es gibt heute einen Naturlehrpfad, Liegewiesen und einen Abenteuerspielplatz, sowie einen Fußballplatz. Südlich der Gedenkstätte für die gefallenen sowjetischen Soldaten ist eine riesige Platane als Naturdenkmal ausgewiesen. Und der „Luna-Bunker“?*** Während der Corona-Zeit fanden in dem ehemaligen Schutzraum illegale Parties statt, bei denen auch Stromaggregate mit Verbrenner zum Einsatz kamen. Dies machte den Bunker zu einem Gefahrenort. Aber auch das ist Vergangenheit und junge Menschen können sich heutzutage wieder anderweitig legal amüsieren. „Myotis daubentonii“ und „Plecotus auritus“, so heißen die neuen Nutzer des „Luna-Bunkers“ in der Gegenwart. Schon vor Jahren haben sie den Wert des alten Gemäuers erkannt und ihn zum Überwinterungsort für sich erkoren. Die braune Langohrfledermaus und ihre Artgenossin, die Wasserfledermaus nutzen den Bunker nun für ganz und gar friedfertige Zwecke. Hinweistafeln des Naturschutzbundes erklären Naturfreunden, wie sie die Tiere schützen können. Ein hoher Zaun umschließt nun den alten Kriegsbunker. Zum Schutze der Natur in Friedenszeiten.

„Nach jedem Krieg fragen die Menschen wozu er gut war. Warum stellen sie diese Frage nicht schon vorher“
© Gerald Dunkl (*1959), österreichischer Psychologe und Aphoristiker

Berliner Schwanklied

„Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, Nach Pankow war sein Ziel; Da verlor er seinen Jüngsten Janz plötzlich in Jewühl; ´Ne volle halbe Stunde Hat er nach ihm jespürt. Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.
In Pankow gab´s kein Essen, In Pankow gab´s kein Bier, War alles uffjefressen Von fremden Leuten hier. Nich´ ma´ ´ne Butterstulle Hat man ihm reserviert! Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.
1. Auf der Schönholzer Heide, Da jab´s ´ne Keilerei Und Bolle, jar nicht feige. War mittenmang dabei. Hat´s Messer rausgezogen Und fünfe massakriert. Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.
2. Es fing schon an zu Tagen, Als er sein Heim erblickt. Das Hemd war ohne Kragen, Das Nasenbein zerknickt, Das linke Auge fehlte, Das rechte marmoriert. Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.
3. Als er nach Haus jekommen, Da ging´s ihm aber schlecht, Da hat ihn seine Olle janz mörderisch verdrescht! ´Ne volle halbe Stunde Hat Sie auf ihm poliert. Aber dennoch hat sich Bolle Janz köstlich amüsiert.
4. Und Bolle wollte sterben, und hat sich´s überlegt: Er hat sich uff die Schienen Der Kleinbahn druffjelegt; Die Kleinbahn hat Verspätung, Und vierzehn Tage druff, Da fand man unsern Bolle Als Dorrjemüse uff.
5. Und Bolle wurd´ begraben, in einer alter Kist´. Der Pfarrer sagte ´Amen´ und warf ihn auf den Mist. Die Leute klatschten Beifall, und gingen dann nach Haus. Und nun ist die Geschichte von uns´rem Bolle aus!“

Quellen:

1.*https://www.berlin.de/museum-pankow/geschichte-vor-ort/gedenktafeln/2024/artikel.1437297.php
2.**https://www.berlin-lese.de/streifzuege/lieder/bolle-lied/
3.***https://pankowerchronikdotde.wordpress.com/2025/03/14/der-lunabunker-in-schoenholz/
4.****Zitat aus einer der Hinweistafeln, die in der Schönholzer Heide an das Schicksal der Zwangsarbeiter erinnern.

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