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Irmelin Krause: sechzig Jahre im Rampenlicht

Irmelin Krause

Ein Porträt anläßlich des 60. Bühnenjubliäum am vergangenen Wochenende.
Von Holger Heiland


Als Irmelin Krause zehn Jahre alt ist, nimmt ihre Mutter Erna Krause sie zum ersten Mal mit in die Staatsoper Unter den Linden. Gegeben wird Humperdincks „Hänsel und Gretel“, und Irmelinweiß sofort: Die Bühne ist der Ort, an dem ihr Leben spielen soll, ihr Platz ist im Scheinwerferlicht. Das ist Ende der 1940er Jahre, und die Zeiten sind alles andere als leicht. Irmelins Vater ist im Krieg gefallen, als ältestes von drei Kindern muss sie Pflichten im Haushalt übernehmen und sich um die Geschwister kümmern. Allerdings spielt Musik in der Familie von jeher eine große Rolle. Erna Krause singt im Chor der Staatsoper und sie fördert das Talent der Tochter, lässt sie Klavier spielen und im Berliner Mozart-Chor singen. Trotzdem vergehen bis zu den ersten Hauptrollen noch anderthalb Jahrzehnte, und der Weg zu ihnen führt über Umwege. Doch da Irmelin ihr Ziel stets vor Augen hat und seine Verwirklichung mit Talent, Beharrlichkeit und harter Arbeit verfolgt, ist es eines Tages tatsächlich soweit, dass der Vorhang sich zum ersten Mal für ihren großen Auftritt öffnet. Das tut er im Anschluss immer wieder, und am vergangenen Samstag hat die Berliner Schauspielerin und Sängerin bei einem intimen Galaabend ihr 60. Bühnenjubiläum begehen können.

In ihrer Karriere ist Irmelin Krause immer ein wenig älter gewesen als ihr Umfeld. Weil ihre Mutter verlangt, dass sie zunächst einen richtigen Beruf – Musikpädagogin – erlernt, schließt sie ein Musikstudium an der Humboldt-Universität ab, bevor sie sich an verschiedenen Schauspielschulen bewirbt. In Rostock wird sie schließlich angenommen. Direkt aufs Schauspielstudium, während dem sie erste Bühnenerfahrung sammelt, folgt ein Engagement in Görlitz. Am Gerhart-Hauptmann-Theater spielt sie ab Weihnachten 1962 das Gretchen in Goethes „Faust“. Auf Görlitz folgen Anklam und Frankfurt an der Oder, aufs Gretchen viele der wichtigen weiblichen Rollen der europäischen Theatergeschichte: etwa die Helena in Shakespeares „Sommernachtstraum“, Kleists Alkmene aus „Amphytrion“, die Elisabeth in Schillers „Don Carlos“ oder die Eliza Doolittle in G. B. Shaws „Pygmalion“ – eine Rolle, die es ihr erlaubt aufs Breiteste zu berlinern, wie sie heute noch begeistert erzählt. Irmelin Krause versteht sich als Vollblutschauspielerin, die ihre Rollen mit allem, was sie zu geben hat, mit Leben füllt. Für Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ lernt sie sogar weben.

1965 wird ihre Tochter Velia geboren. Doch statt sich zurückzuziehen, absolviert Irmelin Krause neben dem Engagement in Frankfurt in Berlin ein drittes Studium, was zu der Zeit in der DDR eigentlich kaum möglich ist. Bei Fania Fénelon, die als Holocaustüberlebende ihre KZ-Erfahrungen im Buch „Das Mädchenorchester von Auschwitz“ verarbeitet und in den 60er-Jahren in Ostberlin gelebt und gearbeitet hat, lässt sie sich im Fach „Chanson“ ausbilden. Damit erlangtsie die Befähigung, im Musiktheater aufzutreten. Hier kann sie in der Folge alle ihre Fähigkeiten auf einmal ausspielen: Schauspielen, Singen und Tanzen.
Auf die erste Rolle in einer Revue– der Jenny in Brechts „Das kleine Mahagonny“ – folgen verschiedene Musicals, unter anderem mit dem Regisseur Wolfgang-Claus Asch, den sie dafür ans Kleist-Theater holen kann, der Publikumserfolg „Das Himmelbett – I do, I do“. Hier gibt es ein großes Orchester und nur zwei Personen auf der Bühne. Velia, die Tochter, die in ihren ersten Lebensjahren hauptsächlich bei der Großmutter in Berlin lebt, sitzt bei den Proben häufig im Zuschauerraum und kann zuletzt beide Rollen auswendig, womit der Grundstein für eine weiter Karriere im Rampenlicht innerhalb der Familie gelegt ist.

Dann, 1975, geht es Erna Krause schlechter und sie kann sich nicht mehr um das Kind kümmern. Irmelin Krause muss nach Berlin zurückkommen, wo sie in der Theaterlandschaft niemand kennt. Drei harte Jahre folgen. Da erweist es sich als Glück, dass sie bereits 1960 angefangen hat, als zweites Standbein als Synchronsprecherin zu arbeiten, womit sie nun in der Hauptsache den Lebensunterhalt ihres Drei-Frauen-Haushalts bestreitet. Daneben sucht sie nach Musikern und beginnt, eigene Programme zusammenzustellen, mit denen sie auftritt und die sie ständig erneuert. Chansons, Küchen- und Volkslieder, Goethe, Fontane – ihr Repertoire ist groß und wird je nach Anforderungund Publikumswünschen erweitert. Über Verbindungen zu Musikgruppen und Clubs sowie die Konzert- und Gastspieldirektion der DDR gelingt es ihr mit der Zeit, sich zu etablieren. Auch im Fernsehen ist sie in der Folge ab und zu in kleineren Rollen zu sehen, etwa im Zweiteiler „Familie Rechlin“, der Lustspielserie „Ferienheim Bergkristall“ oder im „Polizeiruf 110“.

Irmelin Krause und Wolfgang Krause-Latarius - Foto:
Irmelin Krause und Wolfgang Krause-Latarius – Foto:

Nach der Wende wiederholt sich die Phase der Neuerfindung. Immer wieder, lernt sie, muss sie sich neu vorstellen und um Engagements und Aufmerksamkeit kämpfen. Fragt man sie, woher sie die Energie dafür nimmt, verweist sie auf die Begeisterung ihres Publikums. „Die Freude, die du gibst“, sagt sie, „kommt ins eigene Herz zurück“. Daran erinnert auch das von ihr gewählte Motto des Jubiläumsabends in Weißensee, das auf Robert Schumann zurückgeht: „Licht senden in die Tiefe des menschlichen Herzens ist des Künstlers Beruf“.

Noch viele Anekdoten ließen sich erzählen über das Können und den Willen von Irmelin Krause, sich stets weiterzuentwickeln, über ihre Eigenschaft, immer wieder Neues zu beginnen – auch an Stellen im Lebenslauf, an denen man es normalerweise nicht erwarten würde. So hat sie ihren Mann Wolfgang Latarius erst im Alter von fast 50 Jahren bei der 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin 1987 kennengelernt.

Selbstverständlich gab es aber auch große Chancen, die sie verpasst hat. Zum Beispiel, als Helene Weigel sie engagieren wollte, Irmelin Krause aber das Gefühl hatte, sich erst noch beweisen zu müssen. Dennoch hat sie sich nie beschweren können, zu wenig Arbeit zu haben. Vertraut dürfte einer größeren Öffentlichkeit vor allemihre bis heute kaum gealterte Stimme sein, die sie als Synchronsprecherin mehr als 120 Sprechrollen in internationalen Film- und Serienproduktionen geliehen hat – von „Twilight Zone – Unwahrscheinliche Geschichten“ in den 60ern über „Akte X“ und „Emergency Room“ bis zu „Wedding Planner“ oder „Heute bin ich Samba“ aus der jüngeren Vergangenheit. Auch in der 2017 mit dem Grimme Preis ausgezeichneten Dokumentation „Schatten des Krieges: Das sowjetische Erbe“ übernahm sie die Sprecherstimme.

Der Abend zur Feier ihres 60. Bühnenjubiläums fasste viel von dem zusammen, was Irmelin Krause ausmacht. Und ihr Publikum hängt ihr – wie immer – an den Lippen und spendet Applaus.

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