Montag, 22. April 2024
Home > Aktuell > Klimaschutz setzt die Lebensmittelproduktion unter hohen Kostendruck

Klimaschutz setzt die Lebensmittelproduktion unter hohen Kostendruck

Meierei Barmstedt eG

Von Michael Springer

Die deutsche Lebensmittelwirtschaft mit über 660.000 Betrieben und 5,4 Mio. Beschäftigten ist einer der stärksten und vielfältigsten Wirtschaftszweige in Deutschland. 10% aller Arbeitnehmer sichern Ernährung, Genuß, Kulinarik und auch die gesunde Ernährung.

Die Lebensmittelwirtschaft wird dabei von Branchenriesen, weltweit vernetzten Konzernen mit ihren Zweigbetrieben und einem höchst vielfältigen Mittelstand und vielen hoch spezialisierten Familien- und Kleinbetrieben geprägt, die oft jahrhundertealte Produktionslinien in handwerklichen Traditionen bewahren.

Bier, Brot, Wein, Käse, Sauerkraut und viele andere Lebensmittel können nur mit längjährig gepflegten Biokulturen, Mikrorganismen und Hefen produziert werden, die in den Produktionsverfahren für Regionalität, besonderen Geschmack und Produktcharakter stehen.

Auch die landwirtschaftlichen Produktionssysteme mit Pflanze, Wurzeln und Bodenorganismen und bodentypischen Nährstoffen gehören zu diesen Produktionssystemen, die Vorprodukte für die Lebensmittelproduktion liefern.

Kleinbetriebe und regionale Marken bewahren damit auch Ernährungskultur, Produktionswissen und „Biosysteme,“ die im Klimawandel von unersetzlichen Wert sind — auch weil hier Schlüsselkompetenzen für die Ernährung der Menschheit wirken.

Der Mensch als Lebensmittelproduzent, Mikroorganismen, Hefen, Pflanzen und Bodenorganismen veratmen dabei Kohlenstoff, und geben unvermeidlich Kohlendioxid (CO2) an die Atmosphäre ab.

Mit dem Klimawandel und einer auf CO2-Neutralität und Nachhaltigkeit ausgerichteten Politik gerät auch dieser wichtige Wirtschaftszweig unter ganz besonderen Druck, der überdies durch vielfältge politische Regulierung und steigende CO2-Preise in weiten Teilen existenziell berührt und gefährdet ist. Vor allem Kleinbetriebe sind in großer Gefahr.

Forderungen des Lebensmittelverband Deutschland e.V. zur Wahl
Anläßlich der Bundestagswahl 2021 hat der Lebensmittelverband Deutschland e.V. seine politischen Forderungen unter dem Motto „Behalte die Wahl veröffentlicht. Damit lädt der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft zu einem ehrlichen und konstruktiven Dialog ein.

Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz zur Ausgestaltung einer nachhaltigen Lebensweise mit sicheren Lebensmitteln und fairen Rahmenbedingungen zum Erhalt der Innovationskraft der Unternehmen und zur Stärkung der Eigenverantwortung der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff erklärte dazu: „Die vergangenen 18 Monate waren geprägt von der Corona-Pandemie und kaum scheint diese große Krise überwunden, werden wir wieder schmerzlich an die Folgen des Klimawandels erinnert. Diese Erfahrungen zeigen, was wirklich wichtig ist für unsere Branche – eine zuverlässige Versorgung mit sicheren, genussvollen Lebensmitteln und noch mehr Engagement im Bereich der Ressourcenschonung und des Klimaschutzes. Sicherheit, Nachhaltigkeit und Verantwortung sind deshalb für uns die drei Säulen unserer Arbeit. Um diesen erfolgreichen Weg weiter zu gehen, brauchen wir aber die notwendigen Freiräume, um die Forschungs- und Innovationskraft und den funktionierenden Wettbewerb nicht einzuschränken und den Konsumentinnen und Konsumenten die Vielfalt zu bieten, die sie zur Verwirklichung ihrer persönlichen Vorlieben benötigen.“

Steigende Kosten für CO2-Zertifikate belasten Betriebe
Der Lebensmittelverband Deutschland e.V. will vor allem die Wahlfreiheit in den unternehmerischen Optionen wahren. Die Stimmen aus den sehr unterschiedlichen Teilbranchen wenden sich vor allem gegen zu starke politische Eingriffe und Regulierungen, die Handlungsfreiheiten einengen und womöglich „überregulieren“. Aromenindustrie, Milchindustrieverband und Zuckerindustrie

Dahinter steht die Sorge, lokale Produktionsformen könnten völlig unwirtschaftlich werden, und auch Produktionsverlagerungen bewirken.

Die vorhersehbaren, expliziten und existenziellen Auswirkungen kommender Erhöhungen der CO2-Preise in einzelnen Teilbranchen und Produktionslinien wie z.B. der Milchwirtschaft, hat der Lebensmittelverband jedoch nicht politisch offen angesprochen.

Käserei
Käserei: Käse wird bis auf wenige Ausnahmen durch Gerinnen aus dem Kasein (Eiweißanteil der Milch) gewonnen. Es ist ein Produkt von Mikroorganismen und zugleich das älteste Verfahren zur Haltbarmachung von Milcherzeugnissen – Symbolbild Pixabay

Der elementare Charakter von CO2 in der Lebensmittelproduktion
Kohlendioxid (CO2) spielt in allen elementaren Lebensmittel-Produktions- und Verarbeitungsketten und praktisch allen Produkten eine essentielle und unersetzbare Rolle:

  • als Atemluft und Verdauungs- und Zersetzungsprodukt
  • als biologisches Produkt von Hefen und Zusatztoff
  • als Gärprodukt in Gärungsgewerbe, Käseproduktion,
  • als Prozessmedium und Kältemittel
  • als Kohlensäure in Bier und Getränken
  • als Abgas bei Erhitzung, Backen und Pasteurisierung
  • als Trennmittel, Reinigungsmittel u.v.m.
  • als Treibgas in Zapf- und Schankanlagen
  • als Gas und Packgas zur Frischlagerung von Obst und verpackten Produkten.

Mit steigenden CO2-Preisen wird die gesamte Lebensmittelwirtschaft mit steigenden Kosten belastet, die alle Lebensmittel verteuern werden. In der der Ökobilanzierung muss genauer geprüft werden, ob Produktionslinien auch „unvermeidbare CO2-Anteile“ enthalten, die nicht minimierbar und nicht kompensierbar sind.
Mikroorganismen und Hefen setzen z.B. unvermeidbar CO2 frei. Nur in großtechnischen, energieintensiven Anlagen wäre es aufzufangen und zu verwerten. Kleinbetrieben wird aber über erhöhte CO2-Preise das Kapital entzogen, das für Innovationen, Energieeinsprung und CO2-sparende Prozessinnovationen dringend benötigt wird.
In vielen produktionsseitigen Verwendungsformen ist zudem CO2 nicht ersetzbar, weil es über Hygiene, Haltbarkeit und Geschmack bestimmt.

Klimaneutralität ist nicht universell erreichbar
Mit der allgemeinen Forderung nach „Klimaneutralität“ wird bisher eine universelle Strategie eingeleitet, die den pauschalen CO2-Fußabdruck bewertet. In der Landwirtschaft wird mit der Strategie „climate-smart agriculture“ der FAO der Innovations-Spielraum ausgeweitet.

In der Lebenswirtschaft ist CO2 sind die Bedingungen jedoch vielfältiger und komplizierter. CO2 kann nicht universell ersetzt oder minimiert werden. Statt Substitution und Minimierung müssen auch neuartige Synergien der CO2-Verwertung in den Blick genommen werden.

In der gesamten Lebensmittelwirtschaft ist auch eine „smart production“ -Strategie notwendig, die insbesondere Kleinbetrieben und betriebswirtschaftlich prekären Produktionen Minimierungsstrategien und wirtschaftliche Tragfähigkeit sichern kann.

Differenzierte CO2-Bilanzen und mehr Wahlfreiheit bei Innovationen
Für die Bemessung des CO2-Fußabdrucks muss in der Lebensmittelproduktion unterschieden werden zwischen:

  • essentiellen biologisch-organischen CO2-Emissionen
  • prozessnotwendigen CO2-Emissionen
  • Einatz„lebensmittelgerechter Co2-Kohlensäure nach E290“
  • Einsatz von „Trockeneis.“
  • Einsatz vom Backtreibmitteln
  • energetischen CO2-Emissionen.

Real besteht in der Lebensmittelproduktion noch immer der größte Spielraum durch Minimierung des Primärenenergieeinsatzes und die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen.

In der Milchwirtschaft werden vor allem Pasteurisierungsprozesse enorm verteuert. Kleine mittelständische Betriebe und regional bedeutsame Meiereien sind u.U. sogar existenziell gefährdet. Hier entsteht ein besonderer Förderbedarf, der nur über branchenbezogene und produktbezogene Innovations-Förderungen abgedeckt werden kann.
Auswege bieten z.b. Pasteurisierungsanlagen, die künftig über Solarenergie oder Wasserstoff beheizt werden können.

In Kleinbetrieben werden notwendige Betriebsgrößen für nachhaltige Investitionen oft nicht errreicht. Biologische und organische CO2-Emissionen können aber kostengünstig über Abluftanlagen aufgefangen werden, und gezielt für lokale Synergien mit „SmartFarming-Kulturen“ eingesetzt werden.

Für den Einsatz von Trockeneis gibt derzeit noch keinen kosteneffizienten ökologisch sinnvollen und CO2-freien Ersatz. Wegen der steigenden Umwelttemperaturen und Hitzeperioden wird der gefahrgeneigte Einsatz von Trockeneis sogar noch weltweit steigen.
Hier benötigt die Lebensmittelwirtschaft Sprunginnovationen, die eine CO2-neutrale Trockeneisproduktion und die Kompensation von freigesetzten CO2 ermöglichen. Synergien zwischen Kühlhäusern und „Smart Farming“ sind dabei ein „branchenübergreifendes Thema“.

Für die im Deutschen Lebensmittelverband e.V. zusammengeschlossenen Unternehmen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht nur mehr Dialog mit der Politik zu fordern, sondern mehr „Innovations-Dialog“ mit Gesellschaft, Politik und Forschung und internationalen UN-Initiativen.

Handelskonzerne als Wegbereiter mit Startup-Hubs und Inkubatoren
Die Lebensmittelwirtschaft kann dabei von den fortgeschrittenen Aktivitäten der großen Handelskonzerne ALDI, Edeka, Kaufland, Lidl und Rewe profitieren, die Food Startups im Supermarktregal und neue Verpackungstechnologien mit eigenen Accelerator-Programmen* fördern, sowie Regionalität und Klimaneutralität am Ende der Handelskette vorantreiben.

Im fortschreitenden Klimawandel werden Innovationen zur weltweiten Ernährungssicherung UND CO2-Minderung und anderer Klimagase existenziell immer wichtiger. Der Deutschen Lebensmittelverband e.V. und seine Branchenverbände können dabei mehr tun, um die Anfänge der vielfältigen Produktionsketten in den Blick zu nehmen!


Einfach.SmartCity & SmartCountry.Machen: Berlin! — Innovationen in Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft setzen künftig auf Märkte und neue Synergien, die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele und ökonomische Supereffizienz ermöglichen. Ideen, Konzepte, Acceleratoren, Inkubatoren und Innovationsprogramme für SmartCity / Smart Country-Innovationen werden im „SmartCity-Bluebook“ gesammelt, das ab 2022 kapitelweise veröffentlicht wird. Advertorials, Firmeneinträge und Katalogeinträge finanzieren das Projekt.
Mehr Informationen: info@anzeigio.de
.