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„Bürgerstadt Buch“ stellt die Wohnungsbau-Frage neu

Bürgerstadt-Modell für Generationenwohnen

/// Kommentar /// – Das vor wenigen Tagen von der Initiativgruppe Bürgerstadt Buch aus Berlin-Charlottenburg vorgestellte zukunftsweisende Städtebaukonzept der „Bürgerstadt Buch“ hat in Pankow aufgeregte Reaktionen hervorgerufen. In der Prenzlberger Stimme mühte sich sogleich Herausgeber, Autor und Kolumnist „ODK“ eine Groteske zu konstruieren: „Der große Bluff“, und mühte sich ab, den von Experten erstellten Städtebauentwurf in die Ablage „parteipolitische Manöver“ einzusortieren.

Tatsächlich steht mit der Bürgerstadt AG ein renommierter Bauträger hinter dem Konzept, der zusätzlich eine baupolitische Initiative ins Leben gerufen hat, um stadtentwicklungspolitischen und vor allem wohnungspolitischen Stillstand in Berlin zu überwinden.

Am 26.6. hat Bürgermeister Sören Benn (DIE LINKE) in einer ungewöhnlich eiligen Stellungnahme reagiert. Ungewöhnlich auch im Tonfall, der das Mäßigungsgebot des Amtsträgers außer Acht lässt:

„Menschen in Bezirks- und Landespolitik, beim Senat und in unserer Verwaltung reiben sich am ersten Tag der Sommerferien verdutzt die Augen und können kaum glauben, dass hier eine Projektidee medial mit großen Aplomp „gehyped“ wird, ohne jeglichen Faktencheck“, erklärt Bezirksbürgermeister Sören Benn (Die Linke). „Hier ist überhaupt nichts vergessen worden und es erschließt sich mir nicht, warum das honorige Gremium hier die Festlegungen des Flächennutzungsplans (FNP) ignoriert“, so Benn in der heutigen Presseerklärung (Bezirksamt Pankow 26.06.2019).

Ungewöhnlich auch, weil schon nach wenigen Tagen ohne Rückfrage und Faktencheck beim Bauträger Bürgerstadt AG in die Öffentlichkeit gegangen wird, um Vorab-Meldungen näher zu verifizieren. Verblüffend ist auch, dass Bürgermeister Sören Benn bei einem zukunftsweisenden Vorschlag zur langfristigen Stadtentwicklung keine politische Abstimmung mit anderen Parteien im Bezirk sucht, und eine ablehnende Stellungnahme verfaßt.

In anderen Fällen ist man geduldiger: am Pankower Tor wird mit wechselnden politischen Mehrheiten seit über zehn Jahren mit einem Investor über Wohnungsbau verhandelt, der bisher nur Möbelhäuser gebaut hat, und das auf einer Fläche, die noch immer im Flächennutzungsplan als Bahnfläche geführt wird!

Ein Anruf bei der Bürgerstadt AG hätte möglicherweise erhellende Erkenntnisse gebracht! Schon die Internetseite ist höchst einladend: „Herzlich Willkommen bei der Bürgerstadt! Wir initiieren, entwickeln und realisieren innovative Bauprojekte für Baugruppen, Soziale Träger, Genossenschaften und Investoren. Wir freuen uns auf Ihre Anfragen.“

Vorstand Winfried Hamann hat den zukunftsweisenden Städtebauentwurf auch nicht aus der hohlen Hand entwickelt. Er war selbst in den Jahren 2002-2002 bei der Aufstellung der heute noch geltenden Flächennutzungspläne in Pankow beteiligt und kennt das Gebiet genau.

Damals war Berlin noch im Wettbewerb um das BMW-Automobilwerk, das jedoch nach Leipzig vergeben wurde. So ist auch eine großzügige Ausweisung von Gewerbeflächen entstanden, die heute und auch künftig nicht mehr bedarfsgerecht ist. Die Umstellung der Automobilindustrie auf neue Antriebe wird rund 40% aller heutigen Industrieflächen obsolet werden lassen. Angesichts großer Wohnungsnot darf daher in Berlin auch die Umwandlung von Gewerbeflächen kein Tabu mehr sein.

Überdies können nicht nur landeseigene Flächen, sondern auch private Flächen entwickelt werden, die derzeit ohne Chance sind, und zu niedrigen Preisen in Bauland verwandelt werden können.

Der städtebauliche Entwurf ist überdies auf einen Langfrist-Zeithorizont 2030-2050 hin ausgerichtet. Vor dem Jahr 2000 war in dem Gebiet schon einmal Wohnungsbau geplant. Und die Konzeption mit dem Turmbahnhof Karow für den Bahnverkehr hat auch das langfristige städtebauliche Ziel, das radiale System von S- und Regionalbahn mit einer tangentialen Verbindung zu entlasten.

Städtebau-Experten sind sich auch schon seit 2012 einig: in der Stadtplanung muss es zur Verringerung der verkehrsbedingten CO-2
2-Emissionen und zu Schaffung verkehrsarmer Siedlungsstrukturen kommen. Dies bedeutet: es muss mehr verdichtet werden, Wohnen und Arbeiten rücken zusammen. Und: es entstehen sogar mehr Arbeitsplätze, als in reinen Gewerbe- und Industriegebieten.

Der von der Bürgerstadt AG vorgeschlagene Städtebau-Entwurf ist genau nach diesen modernen Anforderungen an den Klimaschutz in der Bauleitplanung ausgerichtet.

Die Art und Weise, wie nun der Pankower Bürgermeister einen renommierten Bauträger abkanzelt, der sich auch den Themen Partizipation und Genossenschaften verpflichtet sieht, ist für die Linkspartei ein Politikum!

Der Versuch, das zukunftsweisende Vorhaben „Bürgerstadt Buch“ politisch kalt zu stellen, wird kaum gelingen. In jeder anderen europäischen Stadt wäre der Zukunftsentwurf mit großer Begeisterung aufgenommen worden. In Pankow ist das noch anders.

Vielleicht hat noch etwas anderes Besorgnis ausgelöst, denn mit der „Bürgerstadt Buch“ werden ganz neue Wohnungsbau-Fragen gestellt:

„Warum sollen nur landeseigene Gesellschaften Wohnungen und nur Fonds-Investoren Wohnungen bauen dürfen – und nicht die Bürger selbst?“ – „Muss es in der Mieterstadt Berlin mit 90% Mietwohnungsanteil nicht nur eine „Berliner Mischung“, sondern auch eine neue „Mischung von Eigentumsformen“ geben, in der auch Genossenschaften zum Zuge kommen?“

„Kann man den Wohnungsmarkt auch zeitnah entspannen, und schon in ein-zwei Jahren bauen? Oder immer in öffentlicher Regie erst nach 2025?“ „Muss es im Städtebau mehr Architekten & Bürgersinn geben?“ – „Gibt es auch innovative architektonische Alternativen zum „Bauwirtschafts-Kubismus im Berliner Wohnungsbau?“

Es könnte sein, dass sich Bürgermeister Sören Benn hier massiv verkalkuliert, und in der Sommerhitze die Dynamik politischer Entwicklungen in Berlin völlig unterschätzt.

Denn: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist!“ – Wohnungsnot und Klimawandel sind übrigens kein „Hype“!

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