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„Redaktionssterben“ oder hybrider Abbau der Pressefreiheit?

Abgeordnetenhaus Berlin

Noch ist Sommerpause im Berliner Abgeordnetenhaus. Erst ab 31.August entfalten sich wieder die parlamentarischen Aktivitäten im Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags. Die erste Plenarsitzung ist derzeit für den 13. September anberaumt. Viel Zeit vergeht in der Sommerpause, in der die Stadt nicht still steht, und in der mindestens nutzbare Zeit zum politischen Nachdenken entsteht. Bei gutwilliger Betrachtung muss ohnehin konstatiert werden: die Abgeordneten der Parteien haben einen Full-Time-Job, der eigentlich auch in der Urlaubszeit weiter geht, weil tägliche Begegebenheiten und Meldungen intensives Nachdenken, aber auch wichtige politische vor-Ort-Präsenz erfordern.

Einige Abgeordnete haben etwa die Mahnwache der Bürgerinitiative aus der Anlage Blankenburg vor dem Roten Rathaus besucht. Burkard Degger, der neue Fraktionsführer der CDU hat gestern den Gastronomen Yorai Feinberg in Schöneberg besucht, der seit einiger Zeit einer antisemitischen Hasskampagne ausgesetzt ist.

Ein wichtiges Thema wurde noch kurz vor der Sommerpause am 18.06 2018 von den Fraktionen der SPD, der Fraktion Die Linke und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf die Tagesordnung des „Ausschuss für Europa- und Bundesangelegenheiten, Medien“ gesetzt:

„0081 Redaktionssterben in der Berliner Medienlandschaft – Fusionen versus Meinungsvielfalt“

Hierzu wurde eine Anhörung beantragt, deren Termin erst nach der Sommerpause festgelegt wird.


Inhaltliche Positionen der Berliner Parteien sind bisher noch nicht publiziert. Das Thema „Redaktionssterben“ hat bisher vor allem im Bundesland Nordrhein-Westfalen eine Rolle gespielt: „Betriebsräte sehen Demokratie und Lokaljournalismus in Gefahr„. Hier hatte der Abbau von 300 Arbeitsplätzen bei der ehemaligen WAZ-Gruppe (heute Funke Mediengruppe) einen Protest der NRW-Landesverbände der Gewerkschaften DJV und dju in ver.di versursacht.

Inzwischen hat sich die Entwicklung weiter gedreht, und bundesweit verzeichnen praktisch flächendeckend alle lokalen und regionalen Zeitungen Jahr um Jahr Abonnenten- und Auflagen-Verluste.

Die Frage steht daher wie ein Elefant im Raum:

„Ist es nur ein Redaktionssterben – oder befinden wir uns in einer systemischen Phase des hybriden Abbaus der Pressefreiheit?“

Die Thematik wird im kommenden Herbst in Berlin auch die Berliner Medienlandschaft beschäftigen, denn ein neuer Umbruch ist im Gange. Dem Abbau von Lokaljournalisten in Redaktionen steht ein massiver Aufwuchs von journalistisch tätigen Mitarbeitern in Pressestellen von Senatskanzlei, Bezirksämtern, landeseigenen Unternehmen und ÖPNV-Unternehmen, Volkshochschulen und Kulturinstitutionen und in allen Bundesbehörden und Bundesministerien entgegen. Dazu gibt es ein anhaltendes Wachstum bei PR-Agenturen.

Mediatisierung, Social Media und PR sorgen für wachsenden Kapitaleinsatz

Geld strömt dabei immer mehr in das Gesamt-System der Mediengesellschaft, mit immer höheren staatlichen Finanzierungsanteilen in Berlin. Neben dem Kapitalexport über digitale Plattformökonomien kommt damit eine massive Verlagerung von Kapital im Medienmarkt in Berlin in Gang.

Die Datenerhebung dazu ist eine gewaltige Fleissarbeit für Datenjournalisten, die über offizielle Statistiken, Abschätzungen und sozialräumliche Datenanalyse erfolgen kann. Die Systematik beginnt mit einem Kennwert, der die „lesefähige Bevölkerung“ (E-l) zwischen 14 und 85 Jahren als Basiswert aus den sozialräumlichen Einwohnerdaten ermittelt.

Für einzelne Ortsteile werden damit gewaltige Ungleichgewichte der Ausgaben für Suchmaschinen-Marketing, Social Media und PR und für Marketing (Print & Online) erkennbar. Während traditionelle und digitale Zeitungen je lesefähigen Einwohner Verluste realisieren, wachsen die Gesamtausgaben für Kommunikationsabteilungungen, Mieterzeitungen der Wohnungsbaugesellschaften, für PR und Social-Media, sowie für Contentmarketing und Plattformmarketing auf mehr als 200-400 € pro Einwohner/Jahr an.
Nebenaspekt: Stadtteilzeitungen und Kulturprojekte bekommen bis zu 4 €/E-l/Jahr staatliche Zuschüsse als „Soziale und kulturelle Projekt“.

Lesereichweiten und digitale Blindleistung

Was außer Acht bleibt, der Erfolg von veröffentlichten Reichweiten steht vielfach im Mißverhältnis zur tatsächlichen Lesereichweite. Der Kapitaleinsatz für PR, Social Media und Onlinemarketing wird mit „Fiktionen“ und „erwarteten Effekten“ gesteuert. Die tatsächlich mit Kapitalaufwand erzeugte „veröffentlichte Reichweite“ ist zu einem großen Teil nur „digitale Blindleistung“ die gar keine lesenden Menschen, sondern nur Algorithmen, Bots, Suchmaschinen-Traffic und Klick-Ágenturen erreicht – oder als SPAM oder Mismatching-Information gelöscht wird.

Kommunikationsabteilungen, PR-Agenturen und Pressepportale und PR-Konzentratoren bilden dabei ein sich selbst beschäftigendes System, das die Aufnahmefähigkeit von Zeitungs-Redaktionen völlig übersteigt.

Die Medienlandschaft bewegt sich damit in einen hybriden Ausnahmezustand hinein, in der die Leser nur noch die Flucht nach vorn antreten können: die situative Selbstkuratierung der eigenen Informationsblase gewinnt. Ignorieren und Abschalten werden zur beruhigenden Option.

Die Gesellschaft wird dagegen informell atomisiert – Kompetenzen verlieren sich. Vernunft, Diskurs und Dialog entschwinden, ausgerechnet in der Ära, die eine Demokratisierung des Vordenkens und interkulturelle Kollaboration erfordert.

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