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Robin Griesbach: Abitursorgen in Zeiten von Covid-19

/// Gastbeitrag: ///

Sehr geehrter Leser, sehr geehrte Leserin,

ich wende mich an Sie im Hinblick auf die kommenden Abiturprüfungen 2020.

Im Vorhinein will ich klarstellen, dass ich keineswegs die Arbeitsleistungen der Senatsverwaltung schlecht reden oder niedermachen möchte. Es ist nur so, dass die geplante Durchführung der diesjährigen Abiturprüfungen in vielerlei Hinsicht untragbar ist – für die Schulen und vor allem für die Schülerinnen und Schüler.

Aufgrund der derzeitigen Situation ist es von größter Relevanz, zuhause zu bleiben und direkte Kontakt zu meiden, um Leben und Gesundheit aller zu schützen. So wird es uns seit mehreren Wochen angeraten und auch vorgeschrieben. Viele Menschen im meinem Alter halten sich an das Gebot, da sie den Ernst der Lage verstanden haben.

Wenn die Abiturprüfungen wie geplant stattfinden, würde das ein Massentreffen bedeuten, in jeder Schule, im ganzen Land. Dieses Massentreffen fängt nicht erst in der Schule an. Es beginnt in dem Moment, in welchem die Schülerinnen und Schüler die Haustür verlassen, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, die sie zur Schule bringen. Wir gefährden damit mutwillig die Schülerinnen und Schüler, sowie ihre Familien, aber auch die prüfenden Lehrerinnen und Lehrer, sowie die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Nach den Prüfungen würden sich bestimmt viele Schülerinnen und Schüler zusammensetzen, um die Zeit miteinander zu verbringen, um über die Prüfungen zu reden oder um Spaß miteinander zu haben – man hat ja Einiges nachzuholen. Nicht, dass ich es gutheiße- Es ist aber nun mal so, dass viele so denken, dass wenn sie jetzt 4 Stunden zusammen im selben kleinen Raum verbracht haben, die 2 Stunden in der Natur auch nicht weiter schlimm sind.

Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber die geplanten Hygienevorschriften sind in meinen Augen nur schwer bis gar nicht einzuhalten. Man sollte sich nur mal vor Augen führen, welches Risikopotential die sanitären Anlagen bergen, wenn sie von einem ganzen Prüfungsjahrgang in 4 Stunden benutzt werden.

Ich verstehe Ihren Punkt, dass sie allen Abiturientinnen und Abiturienten eine faire Prüfungsmöglichkeit bieten wollen. Ich verstehe auch, dass Sie vorherige und zukünftige Jahrgänge nicht benachteiligen wollen. Und ich verstehe Ihre Sorge, dass zukünftige Arbeitgebende vielleicht Probleme hätten das Abitur anzuerkennen ohne Abschlussprüfungen. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, wieso die Prüfungen unter solchen Umständen geschrieben werden müssen. Denn unter den Umständen der letzen Wochen, wäre das Abitur das unfairste Abitur, welches jemals geschrieben worden wäre.

Wir hatten 3 Wochen früher Schulschluss als sonst, die angesetzte Prüfungsvorbereitungswoche ist komplett entfallen. In Frankreich wurden die Prüfungen bereits landesweit abgesagt. Ein konsequenter Schritt, um Alle zu schützen. Das sogenannte Durchschnittsabitur ist also möglich.

Das umhergehende Covid19-Virus beschäftigt uns Schülerinnen und Schüler gleichermaßen wieErwachsene. Es kommen viele persönliche Gründe dazu. Schülerinnen und Schüler müssen mit ansehen, wie die Eltern um ihren Job bangen, es gibt Krankheits- sowie Todesfälle in Familien- und Bekanntenkreisen. Man muss auf engstem Raume mit der Familie zu Hause bleiben. Die Nerven liegen blank. Viele Schülerinnen und Schüler haben nicht die Möglichkeit angemessen zu lernen, da der Platz zu Hause fehlt. Man muss sich in manchen Fällen dauerhaft das Zimmer mit den Geschwistern teilen.

Viele Schülerinnen und Schüler machen Nebenjobs, vor allen in Einzelhandelsunternehmen, welche zu dieser Zeit besonders die Hilfe und Unterstützung bei der
Versorgung der Gesellschaft benötigen. Sie sind also mitunter systemrelevante Arbeitskräfte in Supermärkten. Man hat zudem keine faire Chance des Ausgleichs, um den Stress zu vergessen, da sämtliche Freizeitaktivitäten nicht möglich sind. Man kann nicht einmal seinem Sport nachgehen, da Vereine, Sportplätze und Fitnessstudios geschlossen haben.

Und versetzen Sie sich bitte in die Situation der Schülerinnen und Schüler an den Prüfungstagen.

Etliche leiden unter starker Prüfungsangst. Dies allein ist nicht das Problem, die Prüfungsangst gehört dazu und wird durch Prüfungen bekämpft. Aber wie stellen Sie sich das vor, wenn sich die Prüfungsangst mit den aktuellen Umständen paart. Wir sitzen in geschlossenen Räumen mit acht weiteren Personen. Alles soll hygienisch gestaltet werden. Man soll die Prüfungen mit Handschuhen schreiben und sich währenddessen die Hände desinfizieren. Da liegt der Fokus vor allem auf der Hygiene, aber nicht beim Wesentlichen, nämlich den Prüfungen selbst.

Wie soll das funktionieren mit dem Mindestabstand von 2 Metern wenn man mal eine Frage hat? Ruft man dann durch den Raum, um alle anderen noch mehr zu stören? Stellen Sie sich vor, Sie sitzen unter diesen Umständen in der bisweilen wichtigsten Prüfung Ihres Lebens, und die Person neben oder hinter ihnen kriegt einen Hustenanfall. Meine Konzentration wäre sofort wie weggeblasen und würde so schnell nicht wiederkommen.

Sehr geehrte Senatsverwaltung, ich stehe hinter Ihnen, wenn Sie sagen, dass Sie ein faires Abitur für alle Schülerinnen und Schüler ermöglichen wollen, aber dann sollten Sie auch alle Aspekte berücksichtigen! Ich verstehe auch, wenn Sie kein Durchschnittsabitur wollen, aber meiner Meinung nach wäre die geplante Durchführung der Prüfungen am geplanten Termin zu früh.

Man sollte wenigstens noch mehr Zeit für die Schulen einplanen, damit sie sich ausreichend vorbereiten können, wenn nicht vielleicht sogar über Alternativen nachdenken wie bspw. Klausurersatzleistungen etc.

Ein Abitur unter diesen Umständen wäre nicht nur fahrlässig, sondern auch untragbar, nicht in Überstimmung mit den vielen Gründen, die dagegen sprechen und vor allem nicht im Sinne derer, die es letztendlich betrifft, nämlich uns Schülerinnen und Schüler.

Wenn auch nur ein Papa, eine Mama oder eine Oma stirbt, weil sich ihr Kind oder Enkel im Laufe der Abiturprüfungen mit Covid19 infizierte, dann tragen Sie eine gewisse Verantwortung, weil Sie eigensinnig Ihre Ziele verfolgten. Finden Sie also wirklich, dass wir zu dieser Zeit einen gesellschaftlichen Leistungsnachweis über das Leben und die Gesundheit vieler Betroffener stellen sollten?


Robin Griesbach ist Schüler der Max-Bill-Schule in Weißensee.

Das Thema berührt aktuell viele Familien und vor allem Schülerinnen und Schüler. Die Redaktion öffnet dafür das Kommentarforum (siehe unten).
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