Sonntag, 14. Juni 2026
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Wohnanlage Ossietzkystraße: sehenswürdig und erhaltenswertes Kulturerbe

Von Michael Springer

An diesem Wochenende wandeln wieder tausende Menschen in den Schlosspark Schönhausen. Seit vielen Jahren wird im Juni das Kunstfest Pankow gefeiert. In diesem Jahr ist es das 25. Kunstfest Pankow.

Die Pankower Allgemeine Zeitung startete übrigens im Jahr 2012 und kündigte damals das 13. Kunstfest im Schlosspark Schönhausen an. Pankow war damals ein aufstrebender Kunst- und Kulturbezirk. Im Rückblick hat es bis dato allerdings einen großen Wandel gegeben, derdem Dauerbeobachter auffällt. — Es hat mit Demografie, Mieten und Gentrifizierung zu tun, mit Modernisierung, mit Verdrängung und mit Wohnungspolitik und Zuwanderung. — Es hat aber auch mit der Verschuldung des Landes Berlin und mit seinen landeseigenen Wohnungsgesellschafften zu tun.

Vorzeige Wohnsiedlung der DDR-Wohnungspolitik

Einer der Brennpunkte der heutigen Berliner Wohnungspolitik ist Wohnsiedlung zwischen Ossietzkystraße und der Kavalierstraße, die von 1957 bis 1959 unter Beteiligung des Büros von Hermann Henselmann geplant und im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks der DDR gebaut worden war.

Die Siedlung markiert in Pankow eine bewusste Abkehr von der traditionellen Berliner Bebauung der Gründerzeit. Die Gründerzeitbauten wurden als großbürgerliche Architektur abgelehnt. Die DDR-Verfassung setzte mit Artikel 26 (2) das neue Ziel staatlicher Wohnungspolitik „Jedem Bürger und jeder Familie ist eine gesunde und ihren Bedürfnissen entsprechende Wohnung zu sichern.“ Die Initiative zu diesen wohnungspolitischen Vorhaben übernahm das Ministerium für Aufbau (ab 1958 umbenannt in „Ministerium für Bauwesen“).

Die Mitte 1950er Jahre begonnene Hinwendung zu Industrialisierung des Bauwesens nach dem Motto ‚besser, billiger und schneller bauen‘, wurde auf der ersten Baukonferenz der DDR Anfang April 1955 beschlossen. Angesichts noch nicht zufriedenstellender Resultate, wurden auf der zweiten Baukonferenz im Februar 1958 weitere Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung vertieft, die später zur Konzentration auf die Plattenbauweise hinführten.

Wohnungsneubau 1957
Wohnblocks, Baustelle Zentralbild Hesse Voi-Ho. 27.4.1957: Im Bezirk Pankow von Groß-Berlin macht das Wohnungsbauprogramm gute Fortschritte. In der Ossietzkystraße des Bezirkes Pankow, Groß-Berlin, wurden bereits Anfang des Jahres 1957 die ersten 73 Wohnungen des Komplexes bezugsfertig übergeben. Insgesamt werden 285 Wohnungen gebaut. UBz: Ein bereits bezogener Wohnblock in der Ossietzkystraße (vorn rechts) . Ein Wohnblock, der sich kurz vor seiner Fertigstellung befindet, (dahinter) – Bundesarchiv: Bild 183-46174-0001 – – CC BY SA 3.0

Die 1957-1959 entstandene Siedlung in Blockbauweise zwischen Ossietzky-Straße und Kavalierstraße war mit ihrer prominenten Lage immer auch Vorzeigesiedlung für die staatliche Wohnungsbaupolitik der DDR.
Die Nachkriegsbauweise war noch Stein auf Stein mithilfe der Berlinerinnen und Berliner gebaut worden.

Die an der Protokollstecke zum Schloss Schönhausen gelegene Wohnsiedlung war zugleich bevorzugter Wohnort der Repräsentanten der Macht in den frühen Jahren der DDR. Aber auch Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Erfinder und Musiker wohnten und wohnen hier, mit einem ausgeprägten Stadtbewusstsein.

Die Wohnsiedlung an der Ossietzkystraße hat mit ihrer Lage an der ehemaligen Protokollstrecke bis heute eine hohe historische Bedeutung. Schloss Schönhausen war Sitz des Staatsoberhauptes Wilhelm Pieck. — Mit dem Tod von Pieck wurde das Präsidentenamt der DDR abgeschafft und nach sowjetischem Vorbild durch den Staatsrat ersetzt. Schloss Schönhausen blieb jedoch auch unter dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht bis 1964 das oberste Regierungegebäude der DDR. Schloss Schönhausen wurde zu einem bedeutsamen Ort, der die Geschichte und auch die Deutsche Wiedervereinigung kenntlich macht — und dem Bezirk Pankow auch eine besondere Identität verleiht.

Heute: Brennpunkt der Berliner Nachverdichtungsdebatte

Zwischen den Wohnblöcken Am Schloßpark, Ossietzkystraße und Kavalierstraße liegen zwei große Wohngrünflächen mit rund 170 zum Teil großen schattenspendenden Bäumen. Stadtklimatisch heute sogar ein Vorbild, das der Erwärmung der Innenstadt trotzt. An Hitzetagen ist es eine kühle Oase für Anwohner und Besucher. Der Berg-Spielplatz wird von Kindern und Familien aus dem gesamten Quartier besucht — wenn er nicht gerade durch einen Bauzaun abgesperrt wäre.

Seit etwa 2019 plant die Gesobau AG die Bebauung der beiden Innenhöfe und will sich damit „auf Biegen und Brechen“ gegen rund 600 Anwohner*innen in den 4- und 5-geschossigen Wohnhäusern durchsetzen.

In einem mehrjährigen Streit, mit Anwohnern und einem ausgehandelten demokratischen Prozess wurde ein Bebauungsplan 3-88-B zusammen mit dem Bezirksamt erarbeitet und erstritten. Der bezirkliche B-Plan 3-88B sieht zwei Baufenster in den beiden Höfen vor, in denen Wohnbauten mit ca. 50-60 Wohnungen errichtet werden können. Diese schonend geplant, sodass mit dieser Bauvariante nur 14 Bäume gefällt werden müssten! ( siehe: Initiative Grüner Kiez Pankow ).
Durch Aufstockungen der Wohngebäude wären weitere bis zum 74 Wohnungen möglich geworden – doch genehmigungsrechtlich kaum gegen Einsprüche von Mietern und Anwohnern durchsetzbar.

Dazu kam im Sommer 2019 der von der Bezirksverordnetenversammlung erklärte Klimanotstand Pankow mit seinen neuen Anforderungen an eine Klimafreundliche Stadt- und Verkehrsplanung.
Baurechtlich gab es gegen eine Nachverdichtung der Wohnsiedlung dazu auch erhebliche Bedenken:

  • Der 2.328 m² große zusammenhängende Spielplatz wäre zerstückelt worden.
  • Baugruben und Baustellenflächen hääten praktisch die Grünräume mit hohen Bäumen zerstört.
  • das Maß der baulichen Verdichtung wäre baurechtlich hoch umstritten.
  • die Wohnqualität wäre stark gemindert, der die grüne Lage wäre zerstört.

Im Februar 2023 wurde seitens der GESOBAU AG das Planziel geändert. Plötzlich wurde der Bau von „Unterkünften für Flüchtlinge“ anvisiert. Diese sind seit 2014 durch ein Sonderbaurechts mit Vorrang versehen und sollten direkt durch die Senatsbauverwaltung gegen den erklärten Willen des Bezirks Pankow genehmigt werden.
Seitdem ist der Streit zwischen GESOBAU AG und der Mieterschaft und Anwohnerschaft in Pankow eskaliert und mündete in gerichtliche Auseinandersetzungen um Baumfällgenehmigungen und Naturschutzfragen. Das Bezirksamt Pankow hat Fällgenehmigungen bisher versagt.

GESOBAU-Mieter ohne grüne Freiheiten im Wohnumfeld

Seit Januar 2026 steht ein Bauzaun in den Innenhöfen der Wohnanlage. Eine Untersagungsverfügung des Umwelt- und Naturschutzamtes Pankow schützt seit dem 15.1.2026 nun Bäume und Sträucher vor einer angekündigten Rodung seitens der GESOBAU AG. Die Pressesprecherin der GESOBAU AG hatte zuvor gegenüber dem TAGESSPIEGEL eine Rodung angekündigt. Das Bezirksamt Pankow hat den Bauzaun aufstellen lassen, um die GESOBAU an einer Rodung zu hindern.
Mieterschaft und Anwohnerschaft in Pankow sind nun in einem Dilemma, denn auch der Freiraum und die „grünen Freiheiten im Wohnumfeld“ sind seitdem eingeschränkt.
Wer sich den Schriftverkehr anschauen will, kann die ausgehängten Schriftstücke am Bauzaun bewundern.

Carl von Ossietzky Denkmal
Carl von Ossietzky Denkmal ( Klaus Simon 1989) in der Ossietzkystraße in Pankow – Foto: Richardfabi – gemeinfrei

Im Rückblick auf das Jahr 2012 ist hier ein Konflikt gewachsen, in dem entscheidende Aspekte völlig unter den Tisch gefallen sind. So ist es eine offene Wunde der deutschen Wiedervereinigung, wie hier mit dem architektonischen Kulturerbe der DDR-Moderne und mit den Spuren und Zeugnissen der Deutschen Geschichte umgegangen wird.
Nicht nur Klimaschutz muss hier neu berücksichtigt werden, sondern auch städtebaulicher Denkmalschutz und Kulturerbe-Schutz. Und auch das gesellschaftliche Klima muss geschützt werden, in dem sich eine Geschäftsführung einer landeseigenen Gesellschaft gegen erklärte Werte ihres eigenen „Zertifizierten Compliance-Management-System nach ICG Standard“ wendet.

Vor allem aber muss noch die kapitale „Geschichte hinter der Geschichte“ aufgeklärt werde, die nur jenen Beteiligten bekannt ist, die hinter Finanzierungskulissen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften blicken können. Die jene volkswirtschaftlichen Verwertungszwänge entziffern können, die in Berlin zu einer „Politik der Nachverdichtung“ um jeden Preis führen, und die auch Sozialmieter zu „Zinsbürgern“ machen!

Fortsetzung folgt


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