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Nachwende-Eiertanz im Kunstwettbewerb zum Thälmann-Denkmal:

Thälmann-Denkmal

/// Kommentierung /// – Ein in der Kunstgeschichte wohl einmaliger Kunstwettbewerb zum Ernst-Thälmann-Denkmal nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf. In der ersten Phase der Preisgerichtssitzung wurden 110 prüffähige Entwürfe eingereicht.

Das verwegene kunstpolitische Vorhaben: im vom Bezirksamt Pankow, Fachbereich Kunst und Kultur, ausgelobten deutschlandweiten offenen zweiphasigen Kunstwettbewerb „Künstlerische Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals“ sollen sich Künstler zu denkmalpolitischen und ideologisch-mythologischen Grundsatzfragen äußern.

Im anonymen Wettbewerbsverfahren findet nun hinter der Kulisse ein geradezu epischer Eiertanz um Denkmal, Geschichte, Gründungsmythos der ehemaligen DDR und modernen Kunstauffassungen statt – ein Drehbuch für ein Theaterdrama und für eine Groteske:

„Das Preisgericht beurteilt in beiden Phasen in gleicher Besetzung. Die Preisgerichtssitzung der zweiten Phase wird vom April 2020 tagen und aus den dann eingereichten Arbeiten einen Entwurf auswählen und zur Realisierung empfehlen. Zudem sind zwei Preise und eine Anerkennung ausgelobt.“

„Das Wettbewerbsverfahren ist anonym. Informationen über Teilnehmer*innen und den Charakter der Entwürfe können erst nach Abschluss des gesamten Verfahrens veröffentlicht werden. Das Ergebnis des Wettbewerbs wird nach Abschluss der zweiten Phase allen Teilnehmer*innen per Preisgerichtsprotokoll sowie der Öffentlichkeit über die Medien mitgeteilt. Der Auslober wird alle eingereichten und zur Beurteilung zugelassenen Arbeiten dann für mindestens zwei Wochen öffentlich ausstellen. Ort und Zeitpunkt werden rechtzeitig bekannt gegeben.“

Die Künstler wurden durch die Auslober auf einen kunstpolitischen Foltertisch gespannt:

„Thema des Wettbewerbs ist die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart des Ernst-Thälmann-Denkmals. Die künstlerische Kommentierung sollte dazu dienen, Fragen aufzuwerfen, zu irritieren und zur Diskussion anzuregen. Gewünscht waren innovative künstlerische Konzepte, die zu einer Belebung des Ortes beitragen und das Denkmal und den Platzraum innerhalb des städtischen Kontextes erlebbar machen.“

Andererseits droht dem eingereichten Entwurf „das denkmalhistorische Dementi“, das vermutlich später wie in der guten alten DDR durch eine volkspädagogisch eingestimmte Historikerkommmission redigiert werden muss:

„Im Zusammenhang mit der künstlerischen Kommentierung sollen den Besucher*innen des Ortes dann auch Informationen zum historischen Kontext angeboten werden. Inhalt, Beschaffenheit und Umfang dieser Informationen hängen vom Konzept der künstlerischen Kommentierung ab und werden im Anschluss an das Wettbewerbsverfahren in Zusammenarbeit mit dem/den/der Verfasser*innen des zur Realisierung empfohlenen Entwurfs präzisiert.“

Zu lang darf die künstlerische Kommentierung auch nicht werden, denn jeder Quadratmeter Texttafel mehrt die am Platz verfügbaren Graffiti-Flächen.

Sollte am Ende des Wettbewerbs ein Dilemma bei der Auswahl der Sieger-Arbeiten drohen, oder gar eine kunsthistorsche Groß-Groteske, hilft es nur noch Denkmal und Wettbewerb hinter dem „neuen Mantel der Geschichte“ verschwinden zu lassen. High-Tech kann das Thälmanndenkmal verschwinden lassen, ohne es zu sprengen: Ganz wie bei Harry Potter, hilft der Unsichtbarkeitsschild der Firma Hyperstealth beim kritischen Nachdenken: „Was wäre, wenn es das Thälmann-Denkmal nie gegeben hätte?“


Siehe auch:

Thälmann-Aufarbeitung am Denkmal?

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